Vetropack Holding AG
«Glas braucht den Vergleich nicht zu scheuen»
Zu Anfang dieses Jahres übernahm Lukas Burkhardt die Rolle des CEOs der Vetropack- Gruppe. Der 47-jährige Schweizer tritt das Amt in einer schwierigen Phase an: Die Zahlen des vergangenen Geschäftsjahres waren schwach, und die europäische Glasverpackungs industrie kämpft mit Überkapazitäten sowie wieder steigenden Energiekosten. Im Interview spricht Burkhardt über Gegenmassnahmen, die Pläne für sein erstes Jahr als CEO und warum er von Glas überzeugt ist.

Dr. Lukas Burkhardt, Vetropack Gruppe Bild: Vetropack
Die ersten 100 Tage eines neuen CEO gelten als entscheidend. Was haben Sie bei Vetropack vorgefunden und was hat Sie überrascht?
Dr. Lukas Burkhardt: Ich habe die Entwicklung unserer Gruppe natürlich bereits im vergangenen Jahr verfolgt. Vieles von dem, was ich von aussen wahrgenommen hatte, hat sich bestätigt, wenn auch mit mehr Tiefe und Nuancierung. Was mich nicht überrascht, aber trotzdem beeindruckt, sind der hohe technologische Stand unserer Werke und das enorme Branchenwissen in unserer Organisation. Das ist aussergewöhnlich und eine starke Basis, auf der wir aufbauen. Was mich ausserdem beeindruckt, ist das Engagement der Menschen bei uns: Die zurückliegenden Jahre waren ja in vielerlei Hinsicht sehr anstrengend, zumal unser Marktumfeld weiterhin schwierig bleibt.
Die Glasindustrie ist extrem energieintensiv. Der Konflikt am Persischen Golf hat die Märkte zusätzlich belastet und der Energiepreisanstieg hat Vetropack praktisch in Ihren ersten 100 Tagen in einen neuerlichen Krisenmodus gebracht. Welche Gegenmassnahmen stehen zur Verfügung?
Burkhardt: Für uns als energieintensiven Hersteller ist das in der Tat eine ernste Herausforderung – auch wenn ich das nicht als Krisenmodus bezeichnen würde. Unsere Produktions- und Lieferfähigkeit ist zum heutigen Zeitpunkt voll gesichert. Was uns beschäftigt, ist weniger die Frage von Engpässen als die Preisvolatilität: Sie erschwert die Planbarkeit und setzt die Kostenbasis unter Druck. Die Energiepreise haben sich nach den Hochs der Vorjahre wieder etwas normalisiert, nun kann die aktuelle Lage am Persischen Golf das wieder umkehren. Wir haben einige Hebel, mit denen wir auf diese Entwicklung am Energiemarkt reagieren können: Ausserdem müssen wir natürlich auch über die Weitergabe der Mehrkosten an unsere Kunden nachdenken. Das ist keine einfache Entscheidung.
Davon abgesehen leidet der Markt unter Überkapazitäten. Wie beurteilen Sie die Lage? Und sehen Sie erste Anzeichen einer Erholung?
Burkhardt: Die Überkapazitäten in Europa sind substanziell: Unsere Industrie hat in den vergangenen Jahren Kapazität aufgebaut, während die Nachfrage gerade bei Getränkeverpackungen zurückging. Erste Mitbewerber haben bereits Standorte konsolidiert. Dieser Prozess wird sich 2026 fortsetzen, und ich gehe davon aus, dass sich dadurch eine bessere Balance zwischen Angebot und Nachfrage einstellen wird. Die positivsten Nachfrage-Signale kommen aktuell aus dem Food-Segment. Im Getränkebereich ist das Bild gemischter: Der Weinsektor schwächelt weiterhin, andere Segmente stabilisieren sich.
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Glas steht im Wettbewerb mit Kunststoff und Aluminium. Warum ist es dennoch ein Material der Zukunft?
Burkhardt: Den Vergleich braucht Glas nicht zu scheuen, im Gegenteil: Glas ist das einzige Verpackungsmaterial, das vollständig und unbegrenzt oft recycelbar ist, ohne Qualitätsverlust. Es ist lebensmittelsicher, geschmacksneutral, schützt den Inhalt ohne chemische Wechselwirkungen und vermittelt das Qualitätsgefühl, das Konsumentinnen und Konsumenten bei Premium-Produkten erwarten. Wenn ich die grossen Trends anschaue – Gesundheitsbewusstsein, Premiumisierung, Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft –, spielen sie Glas als Material in die Karten. Ich bin deshalb wirklich überzeugt, dass Glas auch in Zukunft eine wichtige Rolle im Verpackungsmarkt spielen wird.
Vetropack hat allerdings mit St-Prex sein letztes Schweizer Werk geschlossen und zieht sich nun auch aus dem Glasrecycling zurück. Wie passt das zusammen?
Burkhardt: Dass wir St-Prex geschlossen haben, hatte vor allem standortbezogene und wirtschaftliche Gründe. Die Entscheidung fiel zwar vor meiner Zeit als CEO, aber ich halte sie trotzdem für richtig. Nach der Schliessung der Glasproduktion im vergangenen Jahr war die Aufbereitung zunächst als Übergangslösung für rund 30 kommunale Partner in der Region weitergeführt worden. Ohne eine direkt angeschlossene Glasproduktion ist der Weiterbetrieb der Anlage langfristig weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll.
Aber was bedeutet das für Ihre kommunalen Partner?
Burkhardt: Für uns war in der Tat wichtig, dass wir den Übergang gut organisieren und funktionierende Lösungen für unsere langjährigen kommunalen Partner bereitstellen. Und das ist uns auch gelungen: Die Altglas-Sammlung und -Aufbereitung wird künftig von zwei etablierten, erfahrenen Partnern übernommen. Wir sind überzeugt, dass die Versorgung der Kommunen dadurch nicht schlechter wird.
Apropos Innovationen: Wie kommt Ihre Leichtglas- Lösung Rezon voran?
Burkhardt: An unserem Standort in Pöchlarn nehmen wir im Verlaufe des Jahres die erste Grossanlage für Rezon-Flaschen in Betrieb. Was für uns einen Meilenstein auf dem Weg zur Serienfertigung bedeutet. Aus unserem technologischen Vorsprung kann für uns ein echter Wachstumstreiber werden. Der Markteinstieg von Rezon in der Brauindustrie in Österreich war bereits vielversprechend: Das Produkt Rezon funktioniert und stösst auf grosses Interesse bei unseren Kunden. Auf dieser Grundlage bauen wir nun auf. Und wenn wir den Schritt in die Serienproduktion gut hinbekommen, bin ich überzeugt, dass Rezon das Zeug hat, für uns ein echter Wachstumstreiber zu werden.
Wie schauen Sie auf das laufende Geschäftsjahr? Was nehmen Sie sich vor?
Burkhardt: Bei anhaltenden geopolitischen Unwägbarkeiten und einem weiter herausfordernden Marktumfeld mit Margendruck bleibt Vetropack fokussiert auf die Bedürfnisse der Kunden, verbunden mit Kostendisziplin und enger Investitionskontrolle, auch für laufende operative Verbesserungen, um mit mehr Agilität auf die sich rasch ändernden Bedingungen reagieren zu können. Davon abgesehen bleibt unser wichtigstes Ziel, Vetropack wieder auf profitablen Wachstumskurs zu bringen. Dafür wollen wir in diesem Jahr die Basis legen, etwa dadurch, dass wir unser Produkt- und Service-Portfolio stärker auf Wachstumssegmente fokussieren, Kostenstrukturen optimieren und unseren Kundenfokus weiter verbessern. In unserer Strategie-Review, der bis Ende Sommer abgeschlossen sein wird, ist die Definition von Wachstumsinitiativen ein wichtiger Bestandteil. Klar ist: Wir wollen langfristig eine führende Rolle in der europäischen Glasverpackungsindustrie spielen. Ich bin überzeugt, dass wir die richtigen Menschen, die richtige Technologie und die richtigen Produkte haben, um unser Potenzial zu nutzen.
Interview von Dirk Schönrock

