Pawi Group AG

Trio leitet neu die Geschäfte der Gruppe

Die Pawi Group AG ist ein Schweizer Familienunternehmen im Mehrheitsbesitz der Familie Keller, das sich auf die Entwicklung und Produktion hochwertiger Verpackungslösungen aus Karton und Papier spezialisiert hat, primär für die Lebensmittelindustrie, aber auch für Non-Food-Bereiche. Pawi deckt die gesamte Wertschöpfungskette ab: von der Beratung und dem Grafikdesign über die Produktion (Drucken, Stanzen, Kleben) bis hin zur Logistik. Pack aktuell sprach mit Verwaltungsratspräsident Andreas Keller sowie den drei Co-CEOs Urban Ettlin, Edoardo Finotti und Silvan Flury.

Die drei Co-CEOs Edoardo Finotti, Urban Ettlin und Silvan Flury (v.l.n.r.). Zweiter von rechts: Andreas Keller, Präsident des Verwaltungsrates.

Die Pawi Gruppe ist international aufgestellt mit Hauptsitz und Werk in Winterthur ZH sowie mit weiteren Werken in D-Singen am Bodensee und in der polnischen Hauptstadt Warschau. Aktuell arbeiten rund 370 Angestellte gruppen weit für Pawi. 35 Jahre lang wurde Pawi von Andreas Keller geleitet. Per Ende Februar 2026 hat er sich mit Erreichen des Pensionsalters aus dem operativen Geschäft als Group CEO zurückgezogen. Er bleibt mit seinen beiden Töchtern Firmeninhaber und Verwaltungsratspräsident und damit auch zukünftig eng mit dem Unternehmen verbunden. 20 Am 1. April 2026 hat zudem der bisherige Geschäftsführer am Standort Singen Ralf Kautzmann pensionsbedingt seine Funktion an die Ge schäftsführung in Winterthur übergeben. Diese ist seit dem 1. Januar 2024 nach einem Co- CEO-Modell organisiert: Urban Ettlin ist Co-CEO Verkauf & Marketing, Edoardo Finotti Co- CEO Operations und Silvan Flury Co-CEO Management Services. Alle drei sind langjährig bei Pawi tätig.

Ein Trio an der Spitze ist ungewöhnlich für einen Mittelständler. Warum haben Sie die Lösung mit drei Co-CEOs als Nachfolgelösung gewählt?

Andreas Keller: Wir sind in den letzten Jahren stark gewachsen, und damit ist auch die Komplexität in unserem Umfeld gestiegen. Als Familie haben wir bewusst entschieden, die Pawi Gruppe – entgegen dem allgemeinen Bilder: Pawi Group Trend in unserer Branche – nicht zu verkaufen. Stattdessen steuern wir das Unternehmen künftig über einen professionell aufgestellten Verwaltungsrat, zusammen mit meinen beiden Töchtern und zwei externen Mitgliedern. Die operative Führung und die Umsetzung der Strategie übertragen wir ganz bewusst drei erfahrenen Co-Geschäftsführern aus den eigenen Reihen. Sie kennen unser Unternehmen, unsere Kultur, unsere Kunden und die operativen Abläufe seit vielen Jahren – und sie sind inzwischen auch Aktionäre. Das zeigt, wie stark sie sich zur Zukunft der Gruppe bekennen. Dieses Modell ist aus unserer Sicht die beste Lösung für Mitarbeitende, Kunden und Lieferanten. Es steht für Stabilität und Kontinuität, verhindert Wissensverlust, verteilt Verantwortung und reduziert die Abhängigkeit von einer einzelnen Person. Statt auf eine dominante Führungsfigur setzen wir bewusst auf ein starkes, eingespieltes Führungskollektiv.

Kritiker sagen zu solchen Modellen, Co-Management mache Entscheidungswege langsam. Wie garantieren Sie Agilität in einem volatilen Markt? Und wie werden die Entscheidungen getroffen?

Urban Ettlin, Edoardo Finotti und Silvan Flury: Die Welt von heute fragt nach grundlegend anderen Entscheidungsstrukturen, als wir dies heute in der Wirtschaft und Politik vorfinden. Wir haben in der Pawi seit einigen Jahren das Prinzip der Selbstorganisation implementiert. Konkret bedeutet das für den Einzelnen, dass er bei Grundsatzentscheidungen mitentscheiden darf, aber auch Mitverantwortung trägt. Oben wird gedacht und unten gemacht, gehört bei uns der Vergangenheit an. Wir haben erkannt, dass im Miteinander statt Gegeneinander die Potenziale liegen, die wir für Veränderung benötigen. Wir garantieren Agilität durch klar verteilte selbstorganisierte Verantwortungsbereiche und schnelle Entscheidungswege. Jeder Co-CEO entscheidet mit seinen Teams und in seinem Die drei Co-CEOs Edoardo Finotti, Urban Ettlin und Silvan Flury (v.l.n.r.). Zweiter von rechts: Andreas Keller, Präsident des Verwaltungsrates. Edoardo Finotti, Urban Ettlin und Silvan Flury (v.l.n.r.). Zweiter von rechts: Andreas Keller, Präsident des Verwaltungsrates. Bereich autonom – und strategische Themen klären wir in einem kleinen, eingespielten Trio. Das macht uns im volatilen Verpackungsmarkt schneller, nicht langsamer.

Die drei neuen Co-CEOs leiten die Geschäfte der Holding und der Standorte Winterthur und Singen. Was ist mit dem Standort Warschau?

Keller: Der Standort Warschau wird weiterhin von Artur Szor, dem früheren Inhaber, geführt. Er kennt den polnischen Markt und die lokalen Kunden ausgezeichnet und führt das Unternehmen mit seinem Team. Rund 80 Prozent unseres Umsatzes in Warschau erzielen wir mit Kunden in Polen; der übrige Teil wird in ganz Europa abgesetzt. Zunehmend wenden wir uns den baltischen Ländern zu, sowie agieren über Agenten in Frankreich, in den Benelux-Ländern sowie in der DACH-Region. Mit unseren drei Produktionsstandorten positionieren wir uns als verlässlicher europäischer Partner: Schnelle Lieferzeiten, hohe Qualität und Kundennähe stehen im Zentrum. Die Verteilung der Aufträge innerhalb der Gruppe erfolgt nach klar definierten strategischen Kriterien. Dabei berücksichtigen wir konsequent die jeweilige Spezialisierung der Werke, um Effizienz, Qualität und Wettbewerbsfähigkeit optimal sicherzustellen.

Wie differenzieren Sie die Profile der Werke in Winterthur, Singen und Warschau?

Keller: Die drei Werke der Pawi Gruppe sind klar differenziert und ergänzen sich strategisch: Winterthur bündelt spezifische Entwicklungskompetenzen und moderne Technologien, die wir gruppenweit einsetzen und gemeinsam weiterentwickeln. Der Standort ist auf anspruchsvolle Kundensegmente in der Back- und Süßwarenbranche ausgerichtet. Produziert werden offsetbedruckte, hochveredelte und foliengeprägte Faltschachteln, kaschierte Verpackungen sowie Papierbeutel im Flexodruck. Zudem bietet Winterthur besondere Flexibilität mit Kleinauflagen im Digitaldruck und präzisem Laserschneiden. Singen ist spezialisiert auf effiziente Produktion von einfacheren Faltschachteln für die Lebensmittelindustrie in mittleren und hohen Auflagen. Zusätzlich betreiben wir dort unser Tray-Kompetenzzentrum für die automatisierte Herstellung von Kartonschalen – ein zentraler Bereich, da diese zunehmend Kunststoffverpackungen ersetzen. Warschau fokussiert sich auf hochwertige Faltschachteln für die Kosmetik- und Health-Care-Industrie. Die Stärke liegt in anspruchsvollen Veredelungstechniken wie Heiss- und Kaltfolie, Laminierungen und spezialisierten Lackierungen. Der Standort entwickelt sich zudem weiter in Richtung Premium Verpackungen für hochwertige Lebensmittel und edle Getränke.

Worin liegen die Unterschiede zwischen den Märkten Schweiz, Deutschland und Polen?

Keller: Die Märkte unterscheiden sich klar: In der Schweiz sind die Auflagen deutlich kleiner und fragmentierter, gleichzeitig ist der Anspruch an Qualität und Veredelung besonders hoch. In Deutschland dominieren grössere Volumen und ein stärkerer Kostenfokus. Polen hingegen ist ein dynamisch wachsender Markt: Neben Kosmetik und Health Care wächst die Nachfrage, weil dort westliche Produkte adaptiert werden und zunehmend Unternehmen ihre Produktion nach Polen verlagern.

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In der Pressemitteilung spricht Pawi davon, dass «dieser Schritt das engere Zusammenwachsen der Organisation unterstützt und die Grundlage für eine abgestimmte, effiziente und zukunftsorientierte Weiterentwicklung des Unternehmens schafft». Was umfasst diese Aussage im Detail?

Ettlin, Finotti, Flury: Mit dieser Aussage meinen wir ganz konkret drei Dinge: Erstens stärken wir durch die einheitliche Geschäftsführung beider Standorte die Zusammenarbeit über Länder- und Bereichsgrenzen hinweg. Prozesse, Prioritäten und Verantwortlichkeiten werden dadurch harmonisiert und deutlich klarer. Zweitens schaffen wir Effizienz, weil Entscheidungen künftig aus einem Guss getroffen werden – ohne Doppelspurigkeiten oder unterschiedliche Ausrichtungen zwischen den Standorten. Und drittens legen wir damit die Grundlage für die Zukunft: Digitalisierung, Investitionen, Innovationen oder die Weiterentwicklung unseres Angebots können wir so viel koordinierter, schneller und konsistenter vorantreiben. Kurz gesagt: Dieses Modell bringt die Organisation näher zusammen und macht uns als Gruppe agiler und stärker.

Plant Pawi eine Erweiterung des Produktportfolios und gibt es neue Produkte in der Pipeline für den Schweizer Markt?

Ettlin, Finotti, Flury: Mit der Übernahme unseres polnischen Werkes haben wir unser Portfolio strategisch komplettiert – insbesondere in den Bereichen Kosmetik- und Health Care Verpackungen. Aktuell planen wir keine weitere Erweiterung. Natürlich beobachten wir besonders den wachsenden Markt für Pharmaverpackungen sehr genau, aber im Moment liegt der Fokus darauf, unsere bestehenden Kompetenzen zu stärken und das volle Potenzial unserer heutigen Struktur auszuschöpfen. Für den Schweizer Markt haben wir Anfang Jahr in eine neue Heissfolienprägemaschine investiert. Damit können wir unseren Kundinnen und Kunden neben klassischen Glanzfolien zunehmend auch strukturgeprägte Veredelungen anbieten. Wir beobachten, dass sich viele Mar ken im Schweizer Markt vermehrt über dezentes, hochwertiges Understatement profilieren möchten. Es muss nicht immer glitzern und funkeln – oft erzielt eine subtile Relief-Hochprägung genau den gewünschten Effekt: ein eleganter, zurückhaltender Auftritt kombiniert mit einem starken Touch-and-Feel-Moment für die Konsumentinnen und Konsumenten.

Wie ist angesichts der allgemeinen Konjunkturschwäche und Konsumzurückhaltung die aktuelle Lage auf dem Schweizer Markt?

Ettlin, Finotti, Flury: Trotz der etwas gedämpften Konjunktur spüren wir im Schweizer Markt eine stabile Grundnachfrage. Die Konsumzurückhaltung ist da, aber unsere Kundinnen und Kunden setzen weiterhin auf hochwertige, verlässliche Verpackungslösungen. Durch unsere Nähe zum Markt und unsere starke Kundenbasis können wir die aktuelle Phase gut bewältigen – und sehen sogar gezielte Chancen, weil Qualität und Liefersicherheit wichtiger geworden sind.

Viele Verpackungshersteller werben mit Nachhaltigkeit. Was unterscheidet eine Pawi-Faltschachtel technisch konkret von einem Standardprodukt in Bezug auf die CO2-Bilanz?

Ettlin, Finotti, Flury: Der Unterschied liegt in der Kombination aus Materialwahl, Produktionstechnologie und Prozessoptimierung. Wir arbeiten mit optimierten, zertifizierten Kartonqualitäten, die eine möglichst gute CO2-Bilanz aufweisen. Dazu kommen präzise aufeinander abgestimmte Prozesse – von der energieeffizienten Produktion aus eigenen Photovoltaikanlagen bis hin zu optimierten Lauflängen und minimalen Ausschussquoten. Das Ergebnis: Eine Pawi-Faltschachtel verursacht messbar weniger CO2, weil viele Details darauf ausgelegt sind, Ressourcen zu sparen und Emissionen zu reduzieren. Mit der Ausrichtung an der Science Based Targets Initiative (SBTI) setzen wir uns das Ziel, bis 2040 klimaneutral zu sein. Das ist ein grosser Schritt – und zugleich Teil vieler kleiner, konsequenter Entscheidungen im Alltag.

Mit Andreas Keller im Verwaltungsrat und drei Co-CEOs gibt es grosse Managementkapazitäten. Plant die Gruppe weitere Expansion?

Keller: Derzeit sind keine weiteren Übernahmen geplant. Unser Fokus liegt klar auf der Integration der jüngsten Akquisitionen und dem optimalen Nutzen der vorhandenen Synergien. Das braucht Zeit, Sorgfalt und gute Führung. Wir konzentrieren uns deshalb auf organisches Wachstum – beobachten den Markt aber weiterhin aufmerksam und prüfen Chancen nur dann, wenn sie strategisch wirklich sinnvoll sind.

Der Krieg in Nahost hat wahrscheinlich keine Auswirkungen auf die mengenmässige Rohstoffversorgung. Aber wie sieht es bei den Preisen für Papier und Druckfarben aus?

Ettlin, Finotti, Flury: Der Krieg im Nahen Osten hat aktuell keine Auswirkungen auf die mengenmässige Versorgung mit Papier. Spürbar sind jedoch die indirekten Folgen der geopolitischen Spannungen: steigende Energie- und Rohstoffpreise, höhere Logistik- und Transportkosten sowie unsichere Lieferketten. Für die kommenden Monate rechnen wir – je nach Bereich – mit Preisaufschlägen von bis 10 Prozent. Hinzu kommt, dass viele Kunden während der Corona-Pandemie negative Erfahrungen mit unterbrochenen Lieferketten aus Asien gemacht haben. Seither setzen sie vermehrt auf regionale, zuverlässige Lieferanten. Im Bereich der Lebensmittelverpackungen spielt ausserdem eine grosse Rolle, dass asiatische Anbieter die strengen europäischen Vorschriften und Sicherheitsstandards oft nicht kennen oder nicht konsequent einhalten. Auch deshalb steigt die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen, gesetzeskonformen und regional produzierten Lösungen.

Interview von Dirk Schönrock