Neue Rohstoffe

Kartoffeln, Algen, Rock ’n’ Roll

Für die einen Abfall, für die anderen der grünste Rohstoff der Welt: Biomasse auf einem Mähschiff. Bild: Imago/Funke Foto

An der Nachhaltigkeit von Verpackungen wird überall in der Wertschöpfungskette gearbeitet. Auch ganz am Anfang: an den Rohstoffen. Sechs Beispiele aus der Schweiz zeigen, wie viel Musik in Bioabfall und Wasserpflanzen steckt.

Ausgangsstoffe für Verpackungen können an ganz ungewöhnlichen Orten zu finden sein. In Industrieküchen zum Beispiel. „Unsere Geschichte beginnt mit einer einfachen Frage: Warum sollten wir für kurzlebige Verpackungen fossile Rohstoffe einsetzen, wenn bereits heute wertvolle biologische Nebenströme aus der Lebensmittelindustrie verfügbar sind?“, schreibt Slava Drigloff, CEO des Zürcher Start-ups Peelpack.

Er meint damit Kartoffelschalen. Peelpack stellt Verpackungen aus Schalen und anderen Kartoffelresten her, unter anderem Obst- und Beerenschalen, Trays und Becher, und hat nach Drigloffs Angaben schon sechs Tonnen an Verpacker verkauft (siehe Artikel auf Seite 22).

Noriware, zu Hause in Lupfig, fischt nicht in der Lebensmittelproduktion, sondern im Wasser. Grundstoff für die Verpackungsfolien des 2022 gegründeten Start-ups ist Seetang, also Meeresalgen. Daraus entsteht die Folie „Norifresh“, die ausdrücklich als Siegelfolie entwickelt wurde, nämlich „für Verpackungsanwendungen mit Verschluss an der Oberseite“, wie es auf der Website heißt. „Norifresh“ hafte direkt auf Papier- und Kartonschalen, ohne dass zusätzliche Behandlungen, Klebstoffe oder Beschichtungen erforderlich seien. Dadurch entfalle die Komplexität mehrschichtiger Systeme.

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Noriware stellt heraus, dass die Folie keine eigenen Maschinen brauche. Sie sei „für den Einsatz in bestehenden Folienproduktions- und Verarbeitungsanlagen konzipiert und ermöglicht es Herstellern und Marken, auf fossile Kunststoffe zu verzichten, ohne ihre Kernprozesse ändern zu müssen“.

Auch Noriware hat schon Abnehmer gefunden: Im Juli berichtete das Unternehmen auf „Linkedin“, die Supermarktkette Volg nutze die Folien in 300 Märkten für Obst- und Gemüseschalen. Sie liefen „auf denselben Maschinen, die die Verpackungspartner von Volg bereits täglich nutzen“.

Treeless aus Schlieren bei Zürich folgt derselben Grundidee wie Peelpack, nämlich abbaubare Komponenten aus Abfällen herzustellen. Der Grundstoff des Unternehmens ist Zellulose, daher der Produktname „Cellu“. Und zwar nicht aus Holz, daher der Unternehmensname Treeless.

Timo Geuggis, Limu.eco Bild: Limu.eco

Das 2024 gegründete Start-up stellt Zellulose her, indem es Bakterien mit Nährstoffen aus organischen Abfällen füttert, wie es schon 2023 in einem Porträt im „Globe Magazine“ der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich hieß – Treeless ist ein Spin-off der ETH. Die Zellulose könne ressourcenschonend zur Herstellung von Papier, Verpackungsmaterial oder Verbundwerkstoffen für die Bauindustrie verwendet werden.

Auf der Website ist gegenwärtig weder von Papier noch von Verpackung die Rede, wohl aber von „Cellu Z“, einem Grundstoff für Klebstoffe. Er sei eine „fossilfreie Klebstoffbasis für nachhaltige und biologisch abbaubare Klebstoffprodukte“, schreibt Treeless. Es geht explizit um „die Ersetzung synthetischer Polymere und nicht erneuerbarer Bestandteile“.

Die Technik des Start-ups sei durch eine vollständig automatisierbare Vertical-Farming-Technologie in hohem Maße skalierbar und energieeffizient. Ziel sei es, „unsere bahnbrechenden Errungenschaften in ein skalierbares Industrieunternehmen umzusetzen“ – hier steht der große Sprung noch bevor.

Verpackungen – oder Additive

Es müssen aber nicht ganze Verpackungen oder Komponenten sein. Schweizer Start-ups arbeiten auch an Additiven für biologisch abbaubare Verpackungen.

Limu.eco zum Beispiel ist ebenfalls unter die Fischer gegangen, allerdings nicht im Meer. Das 2024 gegründete Start-up aus Mettmenstetten südlich von Zürich entwickelt aus aquatischer Biomasse Additive. „Das erste Additiv kann abbaubaren Kunststoffen beigefügt werden, um diese in ihrem Abbauverhalten deutlich effizienter machen“, schreibt das Unternehmen.

Aufgrund steigender Wassertemperaturen nehme die Menge an Wasserpflanzen in Seen und Flüssen zu. Diese Biomasse müsse regelmässig entfernt werden und gehe bisher mehrheitlich in die Entsorgung. Ziel sei es, sie sinnvoll zu verarbeiten und daraus nachhaltige Materiallösungen zu entwickeln. Das geschehe mittels eigener Verfahren.

Das Unternehmen arbeitet nach eigenen Angaben an der Weiterentwicklung seiner Pilotanlage und der Industrialisierung des Prozesses.

Auch Surface Cleantech aus Lausanne, seit 2025 am Markt und ein Spin-off der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL), hat einen Zusatzstoff im Angebot – eine Art Zaubertrank. Das Coating des Unternehmens, eine Verbundbeschichtung, könne auf Folien aus Biokunststoff aufgebracht werden und mache sie stärker. Und zwar so stark, dass sie 30 Prozent dünner gestaltet werden könnten.

Die Beschichtung, über deren Rohstoffe sich Surface ausschweigt, solle auch selbst nach EN 13432 als biologisch abbaubar zertifiziert werden. Und auch Surface betont, dass niemand neue Maschinen kaufen müsse: „Die Verbundbeschichtung lässt sich nahtlos in den bestehenden Fertigungsprozess integrieren und auf allen Arten von Biopolymerfolien auftragen.“ Sie werde ähnlich wie eine Druckfarbe mit den vorhandenen Flexodruckmaschinen aufgetragen, sei mit vorhandenen Rasterwalzen kompatibel und beeinträchtige die Produktionsgeschwindigkeit nicht.

Und noch ein Spin-off der EPFL: Bloom Biorenewables aus Marly, gegründet 2019, hat „die erste Technologie entwickelt, mit der die auf der Erde am häufigsten vorkommenden Biopolymere – Zellulose und Lignin – selektiv in chemische Produkte mit hoher Wertschöpfung umgewandelt werden können“, wie es auf der Website heißt.

Das „erschließt das volle Potenzial von Lignin, Hemicellulose und Cellulose“. Bloom stellt unter anderem Dipropylxylose her („DPX“). Das sei ein Hilfslösungsmittel und Weichmacher für Farben und Lacke, das den Anteil an nachwachsenden Rohstoffen erhöht und gleichzeitig die VOC-Emissionen senke. Die Mikrofibrillierte Zellulose („MFC“) erlaube die „kostengünstige Verbesserung der Nass- und Trockenfestigkeit von Verpackungen aus Formfasern und bei Barriere-Beschichtungen“.

„Die Zukunft existiert nicht. Wir gestalten sie“, schreibt Bloom groß auf die Website. Je für sich gilt das für alle Start-ups.

Der Autor: Stefan Becker